3. Auflage von „Es ist die Wut die wir teilen, aber die Liebe die uns verbindet“

„Gibt es deine Geschichte noch als Buch?“

„Warum dauert das so lange?“

„Wann geht es weiter?“

Diese und ähnliche Sätze habe ich in den letzten Monaten immer wieder gehört. Es ist Zeit für eine Antwort und ein paar weitere Worte.

Die erste Druckfassung ist vor zwei Jahren fertig geworden. Nie hätte ich gedacht den Text zwischen zwei Buchdeckeln wiederzufinden. Nie hätte ich gedacht das es eine lektorierte und layoutete Geschichte werden würde. Wie ich schon an anderer Stelle geschrieben habe, stammen die ersten Entwürfe aus dem Jahr 2008. Das heißt der Text begleitet mich seit mittlerweile acht Jahren. Acht Jahre in denen ich mich stark verändert habe. Damit wuchs auch die Geschichte die ich erzählen wollte immer weiter und veränderte sich. Auch die Protagonisten haben sich mit mir verändert. Wenn ich die gleiche Geschichte heute noch einmal aufschreiben würde, würde sie vermutlich völlig anders klingen und ausgehen. Die Protagonisten würden anders handeln. Viele Handlungen und Aussagen der Charaktere in der Geschichte würde ich heute kritisieren. Als die Rohfassung der Geschichte fertig war habe ich angefangen an einer Fortsetzung zu schreiben. Ich hatte noch zu viel zu erzählen, wollte andere Dinge beleuchten. An der Fortsetzung schreibe ich heute noch – aber sie ist fast fertig. Mammuts Energie beim Lektorat, seinem Beharren und kritischen Nachfragen ist es zu verdanken das es den ersten Teil „Es ist die Wut die wir teilen, aber die Liebe die uns verbindet.“ jetzt in einer neu lektorierten und leicht überarbeiteten Fassung gibt, die nun in den Druck geht. Vielen vielen Dank an dieser Stelle noch einmal für deinen Einsatz! Das heißt: Demnächst gibt es wieder Druckfassungen zum lesen, kritisieren, drin herum kritzeln, Seiten raus reißen oder um es ins Regal zu stellen.

Auch diese 3. Auflage gibt es erst einmal nur im Selbstverlag.

Und die Fortsetzung?

An der Fortsetzung schreibe ich mal mehr mal weniger intensiv seit zwei Jahren. Sie wird umfangreicher, wieder geht es um die gleichen Protagonisten und auch der Schreibstil hat sich ein wenig verändert. Die Handlung ist an den politischen Entwicklungen der letzten Jahre angelegt. Etwa ¾ der Geschichte die ich erzählen möchte sind bereits aufgeschrieben. Im Moment habe ich weniger Zeit zum schreiben und auch mein Anspruch an den Text ist gewachsen. Außerdem arbeite ich noch an anderen Schreibprojekten. Habt bitte noch Geduld mit mir! 🙂

Hier geht es zur (neuen) digitalen Fassung von „Es ist die Wut die wir teilen, aber die Liebe die uns verbindet.“

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Gedanken zur Räumung des Refugee Protest Camp Hannover

Manchmal reibt man sich morgens beim Zeitung lesen verdutzt die Augen.

Manchmal zieht man eine Grimasse und merkt dabei wie müde die Gesichtsmuskeln noch sind. Selten aber muss man so prusten, dass sich der heiße Tee oder Kaffee über die Zeitung ergießt. Der Donnerstag morgen war genau so ein Tag. Aber springen wir ein paar Stunden zurück.

Dienstag Abend, Zwischen Feierabendbier und Bett erreicht einen die Nachricht, dass das Refugeecamp geräumt wird. Also hin da!

Vor Ort im Regen Refugees die auf ihre zerstörten Zelte schauen, resignierte und wütende Supporter die am Rande des Platzes ohnmächtig das Geschehen verfolgen.

Dieses verdammt zynische Bild vor den Augen: Die zerstörten Zelte im Matsch, Polizisten hinter Flatterband und vor dem Mahnmal für die Opfer der einst innderdeutschen Grenze.

Dann kommen die Infos: Das Camp war wegen Gesprächen zwischen Refugees und Bezirk leer. Das hatte die Polizei genutzt. Die Versammlung sei nun beendet, bis 14 Uhr am kommenden Tag soll alles entsorgt werden, sonst passiere das kostenpflichtig durch die Stadtreinigung.

Der Mittwoch Morgen. Blick auf die Zeitung, Grimasse schneiden, die vor Zorn angespannten Gesichtsmuskeln spüren. Die Räumung sei mit der Genehmigung des Ordnungsdezernenten und des Oberbürgermeisters passiert. – Bitte was? Wusste der nichts von den Gesprächen, hat er das ignoriert? Warum wurde nicht der zuständige Bezirksbürgermeister gefragt, der während der Räumung mit den Refugees zusammensaß und später am Abend ebenso sprachlos vor dem zerstörten Camp stand?

Mittwoch Mittag schaut man dann am Camp vorbei. Schon von weite, sind Müllfahrzeuge und Polizeiwannen sichtbar. Auf dem Platz Refugees, die eine symbolische Sitzblockade auf dem Platz machen. Die Müllabfuhr muss auf den Befehl des Einsatzleiters warten. Bereitschaftspolizisten haben die Refugees umstellt und keifen jeden an, der es auch nur wagt eine Fußspitze auf die Grünfläche zu setzen. Irgendwann dann beginnt die Müllabfuhr trotz Blockade die Überreste des Camps abzuräumen. Wenn man in diesem Moment in die Gesichter der eingesetzten Beamten schaut, sieht man Freude. Freude darüber wie Zeltstangen und Protestschilder im Müllcontainer landen, oder Freude auf das nun kommende?

Kurze Zeit später beginnt die gewaltsame Räumung. Die Refugees werden einzeln hochgerissen, teilweise wird auf Arme und Beine eingeschlagen, Schmerzgriffe auf Nervenpunkte angewendet und schließlich werden die Refugees mal an Armen und Beinen getragen, mal wie Leichen über den Boden geschliffen, mal einfach vorwärts geprügelt. Im Griff von zwei Beamten sackt ein Refugee zusammen und rührt sich nicht mehr. Wie ein nasser Sack wird er am Straßenrand vor die Füße der Supporter geschmissen und liegen gelassen. Die Emotionen kochen hoch. Ein weiterer Refugee wird von Freunden gestützt vom Platz getragen. Er kann einen Fuß nicht mehr aufsetzen. Um den zusammnegesackten Refugee bildet sich eine Traube von Supportern. Angst und Hilfslosigkeit ist spürbar. Er reagiert nur mäßig auf Ansprache, immer wieder werden die Augen glasig, rollen in den Höhlen. Die Beamten drängen die Unterstützer durch laute Schreie und Schubsen immer weiter zurück. Die ersten stolpern über den am Boden liegenden. Andere versuchen einen Kreis zu bilden, ihn abzuschirmen. Man wird angeschrien: „Halten sie Abstand!“, während hnter einem Caféstühle stehen und ein bewusstloser Mensch liegt, wird geschubst. Dann liegt Pfefferspray in der Luft. Nicht mal einen Meter neben dem Ort wo Menschen versuchen einen Bewusstlosen zu versorgen, wo viele Menschen durch die Beamten auf engstem Raum eingekreist sind, setzen sie Pfefferspray ein. Zwischen dieser Szenerie steht ein geschockter Refugee mit weit aufgerissenen Augen, der seine noch filmende Kamera in der zitternden Hand hält. Man hört ein Gespräch von den Beamten: „Da liegt einer.“ Pause, Blick. „Na und?“ Dann wird weiter geschubst. Nur langsam beruhigt sich die Situation als der Rettungswagen da ist und auch die anderen Verletzten, teilweise mit Hilfe der Anwohner versorgt werden können.

Später dann, als die Schülerdemo der „Jugend gegen Rassismus“ ankommt, stehen den jungen Demonstranten meherere vermummte und behelmte Einheiten der Polizei auf der Grünfläche gegenüber. Mit dabei die Reiterstaffel, die einige schon kennen, die an Montag Abenden in der Stadt unterwegs sind, die bekannt dafür ist, gerne in Menschenmengen zu reiten. Aus dem Lautsprecher der Demonstration dringt Musik. Völlig zu recht müssen sich die Beamten die gerappten Zeilen des Songs „Bulle“ von „Boykott“ anhören.

Donnerstag Morgen. Der Kaffee dampft, die Schultern schmerzen von den Schlägen der Beamten am Vortag. Zeitung auf: „Christine Kastning (SPD), ist erfreut, dass unnötige Härte vermieden wurde und die Polizei einen ‚angenehmen Umgang‘ mit den Demonstranten fand.“ Der Kaffee spritzt auf die Zeitung.

Da bleibt einem dann nur zu hoffen, dass sich die jungen Menschen der „Jugend gegen Rassismus“ die Zeilen von Boykott (nicht zu sehr) eingeprägt haben.:

Es gibt dieses schöne Wort Menschlichkeit, doch ich kenn‘ keinen Bullen, der in seinem Job menschlich bleibt und ja, jetzt fängt die Party erst an. Bei jeder Gelegenheit greifen wir an-“

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Raus aus den Komfortzonen!

Da ist es wieder, das altbekannte Gefühl der Überforderung. Als wäre „da draußen“ gerade nicht schon genug Scheiße die dampft.  Und dennoch: Da ist diese leise Stimme in mir die sagt „Das habe ich euch schon damals(tm) gesagt. Davor habe ich schon vor Jahren gewarnt.“ – Dabei fühle ich mich unfassbar schmutzig.

Trotzdem ich empfinde es als wahr. Überraschend kommt das alles nicht. Aber ja, jetzt sind ja alle unfassbar überrascht, schockiert und – ja natürlich betroffen. Aber mit Betroffenheit können sich die ‚tatsächlich Betroffenen‘ nichts kaufen. Auch keine Sicherheit. Und was machen wir? Symbolpolitik, die Haare raufen, hilflos verzweifeln und uns in Zynik üben. Wäre da draußen doch mehr von Cecile Lecomte: „Wut und Empörung in positive Energie verwandeln“. Die Betroffenen unterstützen und schützen und die (geistigen) Brandstifter angreifen, ihnen nicht die Straße überlassen und ihnen ihr scheißprivilegiertes egoistisches Leben zur Hölle machen.

Und in mir drin? Diese politische Stimmung macht mir zu schaffen. Sie erzeugt Ängste. Ängste vor etwas das schon einmal Millionen Leben kostete. Ängste davor nichts dagegen tun zu können, Ängste davor zu verlieren. Den Kampf zu verlieren wohlgemerkt, nicht ein gesellschaftlichen Status oder materielle Güter.

Nacht für Nacht gibt es Brandanschläge gegen Geflüchtenunterkünfte. Nacht für Nacht fliegen die Mollis. Nacht für Nacht müssen Menschen Angst davor haben, dass ihr letztes Hab und Gut, ihre Zuflucht brennt, das sie verbrennen. An vielen Orten marschieren die Nazis dieser Tage. Sie rufen „Autonom, Militant, Nationaler Widerstand“, „BRD heißt das System – morgen wird es untergehen.“ und auch das altbekannte „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ ist dieser Tage wieder zu hören. Die patriotische WM-Euphorie, die permanent ausgespielte „nationale Souveränität“ des deutschen Staates und auch das Verständnis für den ekelhaften PEGIDA-Protest haben ein politisches Klima erzeugt in dem sich Nazis ermutigt fühlen, Mordversuche begehen und nationalsozialistische Revolution spielen.

Gestern war der 9. November, der Gedenktag der als Reichspogromnacht in die Geschichte eingegangenen Nacht in der Synagogen angezündet, jüdische Geschäfte geplündert und Jüdinnen angegriffen wurden. Am gestrigen Tag überwogen bei mir zuerst die eingehenden Meldungen über Gedenkveranstaltungen, symbolisches reinigen der Stolpersteine, vereinzelt auch mahnende Worte mit Bezug auf die aktuelle politische Situation. Trotzdem merkte ich tief in mir ein ungutes Gefühl. An diesem Abend sollten in Braunschweig, Dresden, Duisburg und anderen Städten erneut Rassist*innen auf die Straße gehen. Auch an diesem geschichtsträchtigen Tag. Dann kamen die Meldungen aus Dortmund, die Provokationen der Dortmunder Neonazis bei der lokalen Gedenkveranstaltung. Sie riefen dort „Nie wieder Israel“ und zeigten die Reichsflagge. Es folgten Meldungen über Schändungen von Gedenksteinen und -tafeln aus dem ganzen Bundesgebiet. Am Abend kam es in Duisburg zu Angriffen auf den Gegenprotest durch Nazis, in Dresden wurde der „Deutsche Schuldkult“ von Tatjana Festerling für beendet erklärt und Gegendemonstranten an der Synagoge attackiert.

Klar, mehr als 500 gezählte rechte Straftaten und brennende Unterkünfte bedeuten nicht, dass hier morgen ein starker Führer kommt und wieder alle euphorisch in den Krieg ziehen und Völkermord begehen, aber mir scheint wir alle stehen an der Schwelle zu einem neuen Jahr das weitreichende politische Folgen haben wird. Und wir alle, ob als politische Gruppe, Bezug, Freundeskreis und jede*r für sich muss sich darüber bewusst werden welche Rolle jede*r für sich in diesem Abwehrkampf einnimmt. Dabei darf es nicht dazu kommen das wir uns über die richtigen Mittel zerstreiten und spalten lassen sondern müssen uns über unsere Gemeinsamkeiten bewusst werden und diese gegenseitig schätzen.

Wir dürfen nicht abwarten bis die Folgen dieser Gefahr in unsere Komfortzonen, unsere Kieze, Projekte, Zentren und WGs hineingetragen werden und den Kampf dort aufnehmen wo er stattfindet.

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Deutschland, du mieses Stück Scheisze!

Wenn dieser Blog eine tatsächliche Kontinuität hat, dann ist es die, dass ich in den letzten Monaten und Jahren immer wieder meine Gedanken zur rassistischen Mobilisierung und rechten Übergriffen niedergeschrieben habe.

Vor etwas mehr als zwei Jahren schrieb ich einen Text kurz vor der Wahl und kotzte mich darin über die damals einsetzende rassistische Mobilisierung der „Nein zum Heim“-Kampagnen und der Rethorik im Wahlkampf aus. Damals war zeitgleich der NSU in den Medien und die in Aktion tretende Refugee Movement. Ich schloss den Text damals mit den Worten „Wer braucht da noch Nazis?“

Damals konnte ich nicht ahnen das PEGIDA entstehen würde. Ich hätte mir nicht träumen lassen das wir 50 rechte Straftaten pro Tag und 2-3 (versuchte) Brandanschläge auf Geflüchtetenunterkünfte verzeichnen müssten.

In einem weiteren Text verknüpfte ich meine persönliche Situation mit den politischen Ängsten, die in diesem Text vorherrschende war, das ich den Überblick über die rechten Über/Angriffe verliere.

Anfang 2015 schrieb ich unter dem Eindruck der ersten PEGIDA-Demos einen Text und schlug einen Bogen vom auffliegen des NSU und den ersten „Nein zum Heim“-Demos über den Patriotismus während der WM zurück zu PEGIDA.

Im August diesen Jahres folgte ein Beitrag zwischen PEGIDA, HoGeSa, Freital und einer GoogleMap mit Geflüchtetenunterkünften.

Warum diese Aufzählung? Gefühlt habe ich schon alles geschrieben, immer wieder zurück geblickt, ansatzweise für mich die Ereignisse und Eindrücke chronologisiert.

Klar, ich könnte an dieser Stelle noch von Heidenau schreiben, könnte die Brandanschläge dieser Woche aufzählen, aber das wird an anderer Stelle viel detaillierter gemacht.

Was bleibt ist die Ohnmacht und Fassungslosigkeit. Heute wurde die Verschärfung des Asylrechts mit den Stimmen der CDU/SPD-Regierung mit Hilfe der Enthaltung der Grünen durchgewunken. Die Straßen sind heute Nacht nicht mit darüber empörten Menschen gefüllt.

Es ist Mitte Oktober, die Tage sind kalt und regnerisch, die nächtlichen Temperaturen gehen an den Gefrierpunkt. Mehr als 40.000 Geflüchtete müssen bei diesen Temperaturen in Zelten schlafen.

Deutschland, du mieses Stück Scheisze!

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Rassistische Mobilisierung – Eine Bestandsaufnahme und Gedankenstütze

„Es ist 2014, hat sich viel verändert? Eigentlich nicht wirklich!“, rappt Johnny Mauser im Song „2014“ von Neonschwarz. Schon einmal, nämlich vor acht Monaten, habe ich einen Blogpost mit diesem Song eingeleitet. Eine kurze Zusammenfassung und Bestandsaufnahme.

Den Text Anfang des Jahres schrieb ich bewegt von der rassistischen „PEGIDA“-Mobilisierung und den Ereignissen rund um die „Hooligans gegen Salafisten.“ Schon im Laufe des Jahres 2014 war der Anstieg der Anschläge auf Geflüchtetenunterkünfte deutlich erkennbar.Im letzten Jahr lag der Schwerpunkt der Nazis auf der lokalen Hetze gegen Heime. „Nein zu Heim“-Proteste über das Land verstreut, organisiert durch führende Nazis bildeten den Anfang einer rassistischen Hetze unter Ausnutzung stereotyper Vorurteile. Dann legten rechtspopulistische Gruppen zusammen mit der „Alternative für Deutschland“ eine eher kleinere homophobe Kampagne für konservative Werte und gegen den sogenannten „Gender Mainstream“ nach. Rechtspopulisten, Neurechte, fundamentalistische Christen und CDU-Anhänger liefen mit Luftballons durch mehrere Städte.

Schließlich zogen „Hooligans gegen Salafisten“ randalierend durch Köln und versammelten sich einige Monate später in Hannover. Im Endeffekt versuchte PEGIDA, insbesondere in Dresden und Leipzig diese neurechten Proteste unter einem Label zu einen. Auch wenn mittlerweile nachgewiesen wurde, dass die enorm hohen Teilnehmerzahlen nicht der Wahrheit entsprechen, sorgte die durch die Demos ausgelöste Debatte dafür, dass sich Bundespolitiker mit den Köpfen von PEGIDA trafen, Verständnis ausdrückten oder sich hinter ihre Forderungen stellten. Anfang 2015 diskutierten die Köpfe der rassistischen Mobilisierung mit Bundespolitikern in diversen Talkshows. Die so erzeugte rassistische Grundstimmung ließ die Anzahl der Anschläge auf Geflüchtetenunterkünfte weiter steigen. Zum „Tag der Arbeit“ – seit einigen Jahren ein Tag den Nazis für sich vereinnahmen wollen – marschierten die „Hooligans gegen Salafisten“ in Erfurt auf, während sich die militante Rechte in Saalfeld an einer Demonstration der Nazi-Partei „ 3. Weg“ beteiligte. Nachdem mehrere (im Bau befindlichen) Geflüchtetenunterkünfte in wenigen Tagen abbrannten, interessierten sich die Medien für das Phänomen. Von nun an fanden sich die Meldungen über brennende Unterkünfte nicht mehr auf Seite Drei in den Lokalteilen der Zeitungen, sondern auch in der überregionalen Presse. Hier wurden oft Agenturmeldungen mit einem abschließendem Statement der Polizei übernommen. „Die Polizei geht von Brandstiftung aus. Hinweise auf eine fremdenfeindliche Tat liegen nicht vor.“ Im Juli wurde „Freital“ zum Begriff für eine rassistische Mobilisierung durch Nazis und Anwohner – selbst internationale Medien griffen die Bilder des hasserfüllten Mob aus Nazis und rassistischen Anwohnern vor der Unterkunft auf.

Im Ende Juli kam es zur Mobilisierung gegen eine Notunterkunft in Dresden und Angriffe auf solidarische Menschen davor. Nachts schossen Nazis Feuerwerkskörper auf das Gelände.

Im August tauchte eine Google Maps-Karte auf, auf der für alle abrufbar hunderte Unterkünfte markiert worden waren. Auf diverse gab es in der Vergangenheit oder in den Tagen danach Anschläge. In diesen Wochen stöhnen Kommunen wegen der steigenden Aufnahmequote medienwirksam auf und scheitern vermeintlich Behörden an der angemessenen humanitären Versorgung der ankommenden Geflüchteten.

Disclaimer: Der Text erfasst selbstverständlich nicht alle Vorfälle und lässt geopolitische Ereignisse völlig aus. Mir ging es beim schreiben um eine Gedankenstütze.

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Der Lynchmob ist krank vor Neid auf das 5-Sterne Hotel im Asylantenheim

„Der Lynchmob ist krank vor Neid auf das 5-Sterne Hotel im Asylantenheim“, rappen K.I.Z in ihrem neuen und noch nicht indizierten Track „Bom Boom Boom“.

„Ich habe mich geschämt.“, sagt sie. Wir sitzen im Garten. Die Nachmittagsonne scheint. Vögel zwischtern. Der Duft von Kaffee und frisch gemähten Rasen liegt in der Luft. Irgendwo nebenan wird ein Grill angefeuert. Bürgerliche Idylle. „Ich habe mich wirklich geschämt“, wiederholt sie. Dann erzählt sie von einem Samstag Morgen in der Geflüchtetenunterkunft. Das Frühstück wird von freiwilligen Helfer*innen verteilt. Es gibt Toast (ungetoastet), Butterkäse, Marmelade (nur mit Gelantine) und Wurst – ein bisschen Hähnchen, viel Schwein. Bevor die Essensausgabe beginnt werden die Helfer*innen noch einmal daran erinnert darauf zu achten, dass pro Scheibe Toast nur ein Stück Belag ausgegeben wird. Margarine gibt es nur in kleinen Plastikschälchen. Kaffee und Tee in Jugendherbergsqualität. Zur Essensausgabe an diesem Morgen sind sie zu dritt. Viele der Lebensmittel kommen aus akquirierten Spenden der Helfer*innen. Zur Stoßzeit wird es so voll, dass ein Sicherheitsmann mit verteilen muss. Sie kommt mit ihm ins Gespräch. Der Träger des Heimes hatte vor kurzem hervorgehoben das sich die Klassenzimmer in dem ehemaligen Schulzentrum hervorragend als Schlafräume eignen würden. Als sie das erwähnt, berichtet er das diese mittlerweile doppelt belegt sein.

Nach dem Frühstück führt er sie eine Treppe hinauf. Sie stehen im Technikraum oberhalb der Sporthalle. Durch ein verstaubtes Fenster kann sie hinunter schauen. Dicht an dicht stehen Feldbetten. Zwischen den Liegen ist teilweise nicht mal ein Meter Platz, Es ist unglaublich stickig. In den Gängen zwischen den Feldbetten drängen sich verschlafene Gesichter. Vor den beiden „Badezimmern“, den Umkleidekabinen mit Duschen steht eine lange Schlange Menschen und wartet darauf die Morgentoilette verrichten zu können. Als sie sich auf den Rückweg macht trifft sie einen Refugee vor dem Eingang. Er ist zum Sprachkurs gekommen. Aus seiner Containerunterkunft aus einem kleinen Dorf 20 Kilometer entfernt. Um pünktlich da zu sein ist er um 5 Uhr aufgestanden und schon eine Stunde zu Fuß zum nächsten Bahnhof gelaufen. Das Ticket für die Fahrt hat er aus der eignen Tasche bezahlt. Er begrüßt sie auf deutsch mit mit „Guten Morgen! Danke das sie hier sind um uns zu helfen.“

Als der Track von KIZ aus meinem Handy die nachmittägliche Stille durchbricht lächelt sie. „Mach mal lauter. Das Lied sollten hier mal mehr Leute hören.“

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Dass es nun Zeit ist zu intervenieren

Ich hatte das Flair von Hotellobbys schon immer gehasst. Diese akzentuierenden Pflanzen in den Ecken, die ausgesessenen aber luxuriös wirkenden Couches, Beistelltische mit glänzenden Glasflächen. Darunter Zeitschriften die eh niemand las. Diese Räume waren auf wohnlich getrimmt. Ihre Funktion war, den Ankommenden einen guten Eindruck zu vermitteln. Niemand hielt sich hier gerne auf. Das Klackern der Absätze meiner Lackschuhe hallte durch die Halle. Zielstrebig ging ich auf die Rezeption zu. Der Concierge hatte kurz aufgeblickt als ich eingetreten war. Nun starrte er konzentriert auf einen Bildschirm vor sich. Lange genug um mir das Gefühl zu geben nicht wichtig genug für seine volle Aufmerksamkeit zu sein. Diese Überheblichkeit würde ihm gleich vergehen. „Was kann ich für sie tun?“, fragte er endlich. Diese wenigen Worte drückten das gleiche wie die Geste mit dem Bildschirm aus. Er hatte es nicht gesagt. Er hatte es mehr geseufzt. „Scheidemann. Ich habe reserviert.“, sagte ich knapp und legte meine Aktentasche auf der Rezeption ab. Er zog wieder seinen Bildschirm zu rate. Ich wartete auf den Augenblick der nun kommen würde. Seine Augen huschten von rechts nach links. Offenbar las er eine Liste. Schließlich blieben sie auf einem Eintrag stehen. Seine Pupillen weiteten sich. Er quiekte beinahe, als er schnappend Luft einsog. „Herr Scheidemann! Entschuldigen sie, ich konnte ja nicht ahnen…“ Ich grinste. „Sparen wir uns das.“ Ich trommelte gespielt ungeduldig mit den Fingerkuppen auf seinem Tresen. „Suit 401.“ Er machte Anstalten einen Pagen herbeizuwinken, der in diskretem Abstand wartete. Ich streckte fordernd die Hand aus. „Danke. Ich finde das Zimmer schon.“ Er zögerte einen Moment, bevor er mir die Karte reichte. „Wie sie wünschen.“ Ich griff nach meiner Aktentasche und wandte mich um. „Einen angenehmen Aufenthalt!“, rief er mir hinterher.

Mein Gesicht spiegelte sich in der Armatur des Aufzugs. Ich hatte in den letzten Wochen einige Falten dazugewonnen. Surrend setzte sich der Fahrstuhl in Bewegung, nachdem ich die Chipkarte durch das Lesegerät gezogen hatte. Ich warf einen zweiten Blick auf mein goldgefärbtes Spiegelbild. Bildete ich mir das nur ein, oder hatte ich tatsächlich Geheimratsecken bekommen? Ein dezentes pingen kündigte meine Ankunft im vierten Stock an. Direkt dem Fahrstuhl gegenüber lag der Eingang zu 401. Ich betrat den Raum und warf die Chipkarte in eine Schale auf einer Kommode. Die Tür fiel hinter mir ins Schloss. Endlich Ruhe! Mit zügigen Schritten durchquerte ich den Raum und trat an die Balkontür. Sie war nicht verriegelt. Vor mir tat sich die Alster auf. Schwäne zogen ihre Bahnen durch das Wasser. Am Ufer tummelten sich trotz der fortgeschrittenen Tageszeit Touristen und Jogger. Diese Stadt änderte sich nie. Ich drehte mich um und musterte den Raum. Zur Schau gestellter Luxus. Vergoldete Armaturen, teurer Teppich, Hightech-Fernseher und Hifi-Anlage Ich durchschritt den Raum und öffnete die Minibar. Champagner, Softdrinks und tatsächlich das was ich gesucht hatte. Lokales Bier. Ich nahm die Flasche heraus und öffnete sie mit dem in den Kühlschrank integrierten Öffner. Es schmeckte köstlich. Ich nahm die Flasche mit und ging unter die Dusche.

Als ich zurück ins Wohnzimmer trat erwartete mich mein Gepäck. Es war nicht ins Schlafzimmer geräumt worden, sondern stand im Flur. Vermutlich eine kleine Revanche des Concierge. Ich packte meinen Laptop aus und entnahm der Aktentasche den kleinen grünen USB-Stick. Bevor ich den Laptop startete steckte ich ihn an das Gerät. Der Startbildschirm erschien und forderte mich auf das Passwort einzugeben. Ich tippte die fünfzehnstellige Kombination ein und schaute auf die Uhr. Mir blieben noch zweieinhalb Stunden. Genug Zeit um mich auf das Gespräch vorzubereiten. Schmunzelnd blickte ich auf die Daten vor mir auf dem Bildschirm. Sie waren ein Tor zur Vergangenheit. Ich spürte die Geschichte die sie erzählten fast körperlich. Sie war greifbar. Das hatte mich schon immer bewegt. Als Kind hatte ich viel im Wald gespielt. An einer Stelle nahe am Waldrand gab es einen ovalen Hügel. Mitten im ebenen Wald. Ich hatte ihn unzählige male erklommen und darauf gesessen. Von oben konnte man den Wald gut überblicken. Ein idealer Punkt um beim Verstecken spielen die anderen von weitem zu erspähen. Von dort konnte man auch die Senken im Wald sehen. Kleiner als der Hügel. Mehrere Meter tief. In einem hatten wir einmal Metallsplitter gefunden. Es hatte eine große Aufregung gegeben. Die Polizei war angerückt. Dann der Kampfmittelbeseitigungsdienst. Ein schweres Wort für ein Kind. Sie hatten nichts mehr zum beseitigen gefunden. Am Tag danach vergruben wir unsere Ausbeute in einem Versteck. Splitter britischer Bomben. Keine hatte das alte Hügelgrab getroffen. Was in ihm ruhte, ruhte dort weiter und verbreitete das Gefühl die Vergangenheit berühren zu können..

Hotellounges faszinierten mich. Wenn die Lobby eines Hotels dem Gast etwas vorspielen sollte, so war es die Lounge, die einem Gast etwas über das Hotel verriet. Die Beleuchtung, die Musik, die Stimmung der Gäste und der gebotene Service. Ich schmunzelte unwillkürlich als die automatische Tür vor mir aufglitt. Sofort stieg mir ein unverkennbarer Geruch in die Nase. Nicht belästigend, sondern angenehm. Ich roch Zigarren und mehrere Whiskynoten. Echten Whisky, nicht das Zeug aus dem Supermarkt. Das Licht war gedämmt. Die Lampen strahlten unaufdringliche Blautöne aus. Ein warmes Blau. Dunkle Sessel, Couches und Mahagonitische. Das Geräuschbett wurde von Pianoklängen getragen. Ich erkannte den Song bevor die Stimme einsetzte. Wie passend.


With your feet on the air
And your head on the ground
Try this trick and spin it, yeah
Your head’ll collapse
And there’s nothing in it
And you’ll ask yourself

Where is my mind?

Die Gespräche der anderen Gäste verloren sich darin. Das leise klirren von Glas aus Richtung der Theke passte sich ein und störte nicht. Ich nickte der Barkeeperin knapp zu und suchte mir eine abgelegene Sitznische von der aus ich die Tür im Auge behalten konnte. Eine alte, zur Routine gewordene Gewohnheit. Die Barkeeperin trat an meine Nische. „Kann ich Ihnen schon etwas bringen?“ Ich warf einen kurzen Blick auf die Flaschen über der Bar. „Sullivan. Pur. Ohne Eis.“ Sie lächelte und verschwand. Während sie die von mir anvisierte Flasche aus dem Regal hinter der Theke nahm, zog ich mein Netbook aus dem Etui. Das Licht des Bildschirms durchbrach das Beleuchtungskonzept. Schnell pegelte ich die Helligkeit herunter. Ich öffnete mehrere Dateien und versank erneut im Inhalt. Ein Schatz, keine Frage. Er würde unangenehme Fragen aufwerfen. Fragen, die sich Menschen stellen lassen mussten. Fragen, die auch ohne Antworten etwas zerstören und verändern konnten. Konnten? Würden, verbesserte ich mich gedanklich. Ein Schatten fiel auf mich. Die Barkeeperin stellte den Tumbler mit einem gedämpften Klirren auf dem Tisch ab, nickte mir zu und entschwand. Ich klappte das Netbook zu, lehnte mich zurück und lies die Geruchsnote auf mich wirken. Unverkennbar Eiche mit diesem gewissen tropischen Etwas. Ich benetzte die Lippen. Süßer Malz. Vorsichtig sog ich Luft ein. Da war es. Bitterschokolade. Kein anderer Whisky konnte das. Ich schloss genießerisch die Augen. Das sanfte Brennen im Rachen setzte ein. Die Barkeeperin hatte mich richtig eingeschätzt. Ich bewunderte sie dafür. Alles an mir schrie eigentlich danach, dass ich hier nicht hingehörte. Sie hatte dennoch keinen jungen Jahrgang gewählt. Dieser war mindestens 16 Jahre alt. Ich gönnte mir einen weiteren Schluck und schaute an mir herab. Das Sakko war an den Schultern einen Hauch zu breit und spannte an der Hüfte. Das Hemd war noch steif und die Anzughose im Schritt zu weit. Im Tumbler spiegelte sich mein Gesicht. Der Bart gestutzt, die Haare über die Geheimratsecken gekämmt. Vor einer halben Stunde auf dem Zimmer hatte ich es für einen klugen ironischen Zug gehalten die Sneakers anzuziehen. Nun kam ich mir unfassbar albern in ihnen vor. Dieses ganze Theater war unfassbar albern. Aber sie hatten es so gewollt. Sie ließen weiter auf sich warten. Nun, es gibt schlimmere Ort um auf Menschen zu warten die sich verspäten, dachte ich. Ein Schwall Erinnerungen raste vor meinem inneren Auge vorbei. Nächtliche Treffpunkte zu denen es nicht alle schafften, das aufsteigende Adrenalin, die mackerhaften Sprüche um die eigene Unsicherheit zu überspielen, schließlich die Aktion.

Diese Aktionen waren Teil der Daten, Teil der Vergangenheit die hier vor mir in Bytes gebannt auf dem Tisch lagen. Eine Vergangenheit, die ich nun mit anderen Teilen wollte. Das Surren der Tür riss mich aus meinen Gedanken. Ich blickte auf. In der Tür stand eine Gestalt. Seine Konturen zeichneten sich wie ein Scherenschitt vor dem Licht aus der Lobby ab. Er war schlank und hochgewachsen. Hinter ihm entfernte sich ein flüchtiger Schatten. Vermutlich der Concierge, der ihn begleitet hatte. Ich wusste, dass ich nun für einen Moment im Vorteil war. Seine Augen mussten sich erst an das gedämmte Licht gewöhnen, bevor er mich im Raum lokalisieren konnte. Ich nutzte diesen Moment um mich aufzurichten und das Netbook wieder zu schließen. So würde er mich nicht sofort erkennen und ich hatte einen weiteren Moment um ihn zu mustern, während er in den Raum trat. Tatsächlich trat er einen Augenblick später nach vorne. Seine Kleidung irritierte mich. Er trug Sportschuhe, eine Jeans und einen schwarzen Rollkragenpullover. Auf seiner gewachsten Glatze spiegelte sich das Licht der Deckenleuchten. Um seine Schulter baumelte eine Umhängetasche aus einer recycelten LKW-Plane. Er passte eben so wenig hier her wie ich. Alles an ihm schrie gerade zu nach einem alternden Öko. Dieser Typ Mensch, der vor 30 Jahren auf Demos gegen die AKWs und Startbahn-West gegangen war und dort vielleicht im Tränengasnebel gestanden hatte. Oder in besetzten Häusern auf ewig langen Plenas über Refos und den richtigen Weg zum Kommunismus diskutiert hatte. Dann irgendwann waren andere Dinge wichtiger geworden. Erfolg im Job, die steigende Zahl auf dem Bankkonto. Das neue Leben erforderte Statussymbole. Die Lederjacke wich dem Sakko, der alte Toyota wurde durch einen Mercedes ersetzt. Ein energieneutrales Eigenheim oder ein Apartment mit Balkon statt der ranzigen Matratze in irgendeiner WG. Ich kannte diesen Typ Menschen. Im besten Fall waren sie Lehrer oder Anwälte geworden, waren ihren eigentlichen Idealen treu geblieben und setzten ihren Kampf für eine bessere Welt in ihrem neuen Leben auf anderen Ebenen und mit anderen Mitteln fort. Im schlechtesten Fall hatten sie ihre „wilde Zeit“ als eben das verstanden. Ein letztes jugendliches aufbäumen gegen die gesellschaftlichen Normen, denen sie sich schließlich aber unterwarfen. Diese Menschen fand man heute in einigen Vorstandsetagen, an Bankschaltern oder in Immobilienbüros. Dazwischen gab es eine bunte Palette aus Grautönen.

Immerhin, er passte zu der Zeitung für die er arbeitete. Sie war als linksalternatives und selbstverwaltetes Blatt gestartet und ihren Lesern treu geblieben. Sie war den Schritt zum Bürgertum mit ihren Lesern mitgegangen.

Der Mann trat an die Theke und tauschte ein paar Worte mit der Barkeeprin. Sie lächelte reserviert und nickte seine Bestellung ab. Er drehte sich um. Sein Blick wanderte ziellos durch den Raum. Er brauchte erstaunlich lange um mich zu entdecken. Schließlich nahm er seine Bestellung – Rotwein – entgegen und schlenderte betont lässig auf mich zu. „Felix Scheidemann?“, fragte er, als er auf Armeslänge an den Tisch herangetreten war. Seine Stimme hatte einen tiefen Bariton. Er brummte. Ich spürte seine Worte in meiner Brust vibrieren. Ich nickte und deutete mit dem Tumbler in meiner Hand auf den Sessel mir gegenüber. Er stellte seine Umhängetasche neben sich und ließ sich in den Sessel fallen. Sofort versank er darin, während seine langen Beine wie zwei abgeknickte Äste in die Höhe ragten. „Andreas Ernst“, wieder nur zwei Worte. Wieder ließ seine Stimme meine Brust vibrieren. Er reichte mir seine Hand über den Tisch. Während ich sie schüttelte bemerkte ich seinen gierigen Blick auf mein Netbook. „Ich hoffe sie hatten eine angenehme Reise.“, begann er den Smaltalk. „Euer Nahverkehr ist super. Ich war schnell hier.“, antwortete ich ihm und schwenkte dabei den Tumbler. „Hamburg ist nicht Berlin. Wir legen hier Wert darauf, dass sich Gäste wohl fühlen können. Ist dein Zimmer okay?“ Ich grinste. Er war ohne Stolpern auf „Du“ eingestiegen. „Ihr lasst euch das echt was kosten, oder?“, fragte ich. Wieder wanderte sein Blick auf den Laptop. „Ich weiß noch nicht ob es sich lohnt, aber die Leseproben waren für uns alle sehr verlockend. Und wir wollten doch vermeiden das es dabei ungewollte Aufmerksamkeit gibt.“ Ich nickte. „Deswegen habe ich mir auch erlaubt den Ort für dieses Treffen in letzter Minute zu ändern. Das hier-“ ich nickte in den Raum „-erschien mir angenehmer.“ Er lachte ein Baritonlachen. Ich wäre nicht verwundert gewesen, wenn es meinen Tumbler, der inzwischen wieder auf dem Tisch, stand zum wandern gebracht hätte. „Ein Konspiratives Treffen auf einem Hotelzimmer zur Übergabe von Daten wäre wohl auch ein bisschen zu Klischeehaft gewesen“, sagte er. Wieder das tiefe Lachen. Ich prostete ihm zu und nahm einen letzten Schluck Whisky. „Dann will ich dir doch mal zeigen wofür deine Redaktion so viel Spesen locker macht.“, sagte ich und klappte das Netbook auf. Er richtete sich gespannt im Sessel auf. Ich tippte das Passwort ein und drehte ihm das Gerät zu. „Schau es dir an. Lass dir Zeit.“ Ich lehnte mich zurück. Der Blick der Barkeeperin hinter der Theke verweilte einen Moment auf meinem leeren Glas. Sie blickte mich fragend an. Ich nickte. Der Journalist versank in den Daten. Er scrollte sich durch die Listen. Seine Augen wanderten über die Namen, Adressen und Verweise. Zwischen seinen Augenbrauen entstand eine vertikale Falte, die sich bis weit auf die Stirn fortsetzte. Ich sah ihm die Aufregung an, die er zu verstecken suchte. Gerade als vor mir ein frischer Tumbler abgestellt wurde, hörte er auf zu scrollen. Ich sah, wie er das Tastenkürzel für die Suchfunktion verwendete und einige Begriffe eintippte. Das Ergebnis ließ ihn schließlich aufblicken. Er blickte mir tief in die Augen. Die Falte war zu einem tiefen Canyon geworden, die seine Stirn förmlich spaltete. „Nun, das ist tatsächlich beeindruckend.“, sagte er und lehnte sich wieder zurück. „Wir haben deinen Proben hinterher recherchiert. Die Experten wurden sehr hibbelig“ Er hatte das Wort Experten mit einem Hauch Ironie ausgesprochen. Ich fragte mich wer diese vermeintlichen Experten sein sollten. Es gab eine Überschaubare Anzahl von Menschen die sich mit der Thematik auskannten und die für diese Tageszeitung erreichbar waren. Den Großteil kannte ich durch die langjährige Arbeit. Ich konnte mir vorstellen das diese Informationen für sie „Neuland“ waren. Den Sachverstand die Daten einzuordnen konnte ich ihnen aber nicht absprechen. Einige von ihnen hatten sogar unbewusst zu diesem Treffen beigetragen. Ich musste grinsen. Andreas blickte mich fragend an. Faszinierend, ich baute unbewusst eine Bindung zu diesem Mann auf. Seine Art war vertrauenerweckend. „Ich sollte dich jetzt wohl fragen wie du an diese Informationen gekommen bist.“, sagte er. Ich verschaffte mir eine kurze Pause indem ich an meinem Whisky nippte. „Aber du kennst die Antwort schon?“, fragte ich zurück. Nun war er es, der sich einen Augenblick Bedenkzeit verschaffte während er sein Glas schwenkte und einen Schluck trank. Dieses Spiel begann mir zu gefallen. Es erinnerte mich an einen Theaterauftritt vor vielen Jahren. Ursprünglich sollte ich in einer Schulaufführung von „Ernst und Falk“ die Rolle des Erzählers übernehmen. Meine Aufgabe sollt es sein die beiden Protagonisten zu charakterisieren und die Zeit zwischen den Gesprächen der beiden mit kurzen Anmerkungen zu überbrücken. Nachdem sich der Darsteller des „Falk“ in den letzten Tagen vor der Aufführung zu einem Roadtrip nach Spanien abgesetzt hatte, musste ich in seine Rolle schlüpfen. Den Text hatte ich schnell auswendig gelernt und könnte ihn auch heute noch rezitieren. Aber mir fehlte die moralische Aura um den Dialog zwischen dem älteren Logenmitglied Falk und dem jungen Ernst das gewisse etwas zu geben. Außerdem war mir die Haltung des Ernst, dass es nicht die Logenmitgliedschaft sei, sondern die Grundwerte und ihre Art sie zu leben wesentlich sympathischer. Ich passte nicht in die Rolle und vergeigte den Auftritt gewaltig. Aber ich erkannte mich selbst und lernte dadurch etwas für mich.
Bei diesem Treffen schien es ähnlich zu sein, Wir beide spielten Rollen für die wir nicht vorgesehen waren. Aber wie wir uns in ihnen bewegten sagte etwas über uns aus. Im stillen dankte ich nun unserem damaligen Theaterpädagogen für diese späte Erkenntnis. Sein Versuch uns an eine gewisse moralische Handlungsweise heranzuführen hatte bei mir nach mehr als 30 Jahren etwas bewirkt. Ich erinnerte mich an die Widmung, die Lessing dem Dialog vorweg gestellt hatte. Sie gehörte damals zu den ersten Texten die ich auswendig gelernt hatte.

Auch ich war an der Quelle der Wahrheit und schöpfe. Wie tief ich geschöpft habe, kann nur der beurteilen, von dem ich die Erlaubnis erwarte, noch tiefer zu schöpfen. Das Volk lechzet schon lange und vergehet vor Durst bereits einen Hinweis auf die gesellschaftspolitische Relevanz unseres Handelns“, murmelte ich leise.

Andreas blickte von seinem Rotwein Glas auf und musterte mich amüsiert. „Du kommst mir mit Lessing?“ Ich antwortete ihm nicht.

Nach einem Moment Stille sprach er wieder. „Natürlich haben wir uns gefragt woher diese Informationen kommen. Es gibt da nur drei Möglichkeiten. Insiderinformationen, Nachrichtendienstliche Erkenntnisse oder der politische Gegner.“ Er musterte mich aufmerksam während er sprach. „Wir haben versucht die Herkunft der Informationen zurück zu verfolgen, aber sind gescheitert.“ Ich lächelte. „Es beruhigt mich das zu hören“, begann ich. „Unsere Arbeitsweise lebt davon keine große Aufmerksamkeit auf uns und unsere Methoden zu lenken.“ Ich nippte erneut am Tumbler. „Zumindest so lange, bis wir uns entschließen damit an die Öffentlichkeit zu treten.“ Andreas sagte nichts. Stattdessen zog er einen Notizblock aus der Tasche. „Offenbar ist dieser Zeitpunkt nun gekommen. Wir als Redaktion haben uns aber trotzdem gefragt warum diese Informationen erst jetzt veröffentlicht werden sollen. Offensichtlich ist das ja das Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit.“ Ich rutschte unangenehm berührt auf meiner Couch umher. „Ende 2011 und im folgenden Jahr gab es viel Kritik an den staatlichen Behörden. Der gleiche Vorwurf wurde nach einiger Zeit aber auch uns gemacht. Deine Zeitung war da ganz vorne mit dabei. Wie ihr recherchiert habt, war ja nicht nur der Verfassungsschutz sehr nahe am Nationalsozialistischen Untergrund dran. Auch einige Antifa-Gruppen hatten den Thüringer Heimatschutz im Visier. Auch das untertauchen der drei Menschen von dem nun als NSU gesprochen wird, ist ihnen ja nicht verborgen geblieben. Indirekt war euer Vorwurf damals ja, dass diese Antifa-Gruppen nicht die Behörden informiert hätten oder damit an die Öffentlichkeit gegangen sind. Diese Kritik haben wir angenommen. Mittlerweile ist einigen Medien ja aufgefallen das es nicht nur 3, sondern fast 300 untergetauchte Nazis in Deutschland gibt. Da jedes mal Alarm zu schlagen wenn ein Nazi abtaucht kann wohl kaum Aufgabe von ehrenamtlich engagierten Menschen sein. Wir haben den laufenden NSU-Prozess und die parlamentarischen Untersuchungsausschüsse aufmerksam verfolgt und befunden das es nun Zeit ist zu intervenieren.“ Andreas schrieb meine Ausführung mit. „Wie seid ihr denn an diese Daten gekommen?“, fragte er nachdem er zu Ende geschrieben hatte. „Über die Methoden die wir benutzt haben möchte ich nichts sagen.“ Mein gegenüber lächelte milde. Ich befand das es nun Zeit war das Gespräch in eine Richtung zu lenken die ich bestimmte. „Zum weiteren vorgehen hatten wir uns gedacht, dass du und ich in den nächsten Tagen die Daten einmal gemeinsam durcharbeiten und offene Fragen klären. Deine Redaktion kann dann selber entscheiden was sie detaillierter nach recherchieren will. Uns ist nur wichtig das alle Daten an einer Stelle als Archiv abrufbar sind.“ Andreas prostete mir zustimmend mit seinem fast leeren Weinglas zu.

Das rhythmische vibrieren meines neu gekauften Handys riss mich am nächsten Morgen aus dem Schlaf. Das Handy war noch auf Werkseinstellungen eingestellt. Ich war noch nicht dazu gekommen es von den nervigen Signaltönen zu befreien. Müde tapste ich durch das Hotelzimmer zum Balkon. Der gedämpfte Stadtlärm drang durch die geöffnete Balkontür in den Raum. Das piepen eines zurücksetzenden LKWs überlagerte die Gespräche der Menschen unter mir auf der Straße. Die morgendliche Sommersonne verwandelte die Binnenalster in eine glitzerndes Mosaik, dass sich vor mir auftat.

Der Portier musterte mich skeptisch, als ich eine halbe Stunde später im Trainingsanzug über den roten Teppich lief und mich am Gelände auf der anderen Straßenseite aufwärmte. Gegen Mittag hatte ich mich erneut mit Andreas verabredet um wenigstens einmal gemeinsam die gesammelten Daten durchzugehen. Die Zeit bis dahin wollte ich sinnvoll nutzen, statt im Hotel auf ihn zu warten. Ich dehnte meinen Beine an einem Geländer und ließ meinen Blick dabei über die Alster wandern. Ein junges Pärchen in Sportkleidung saß auf einer Bank zu meiner rechten. Das helle Lachen der Frau hallte zu mir herüber. Ich begann meine Laufrunde in dem ich die Alster nach Norden hochjoggte. Trotz der frühen Tageszeit war schon viel los. Immer wieder musste ich Familien mit Kinderwagen und Touristen ausweichen. Erst als ich die Esplanade überquert hatte und am Teich neben dem CCH vorbei joggte kam ich in meinen üblichen Rhythmus. Trotz der starken Veränderung der Stadt in den letzten Jahren fühlte ich mich zu Hause. An beinahe jeder Ecke kamen mir Erinnerungen an die vergangenen Jahre. Am anderen Ende des Parks angekommen wechselte ich die Straßenseite und bog in den Schanzenpark ab. Es fühlte sich gut an sich zu bewegen und die Lunge vom Rauch des letzten Abends zu befreien. In mir stieg das gewohnte Hochgefühl auf. Mein Körper begann Hormone abzusondern um mich für die sportliche Betätigung zu belohnen. Trotzdem ließ mich das Gefühl nicht los etwas übersehen zu haben. Irgendetwas stimmte nicht. Als ich den S-Bahnhof Sternschanze erreichte blieb ich stehen und dehnte mich. Das unbestimmte Gefühl ließ mich nicht los. Es wurde stärker. Ich zermarterte mir das Hirn. Lag es einfach an diesem Ort, der für mich mit so vielen unterschiedlichen Erinnerungen und Gefühlen aufgeladen war, oder war es etwas anderes? Beunruhigt sah ich mich um. Um mich herum bewegte sich das übliche Schanzenpublikum für diese Uhrzeit. Studenten auf dem Weg zur Uni, Bohemiens auf dem Weg zum überteuerten Frühstück in Cafes, die arbeitende Bevölkerung auf dem Weg zur Arbeit oder zurück ins Bett. Gegenüber der Bushaltestelle saß ein Punk mit einem selbstgemalten Schild mit der Aufschrift: „Brauche Geld für Gras“. Während ich verweilte warfen ihm einige Vorbeikommende grinsend etwas in seinen Klingelbecher. Nirgendwo entdeckte ich etwas das mein ungutes Gefühl rechtfertigte. Ich setzte meinen Weg zum Schulterblatt fort.Langsam spürte ich die wohltuhende Erschöpfung des Läufers in mir aufsteigen. Die unregelmäßigen und immer wieder erneuerten Pflastersteine unter meinen Füßen forderten ihren Tribut an meine Oberschenkel. Ich schmunzelte bei dem Gedanken daran wie viele davon ich selbst in den vergangenen Jahrzehnten ausgebuddelt und durch die Luft befördert hatte. Eine Stimme hinter mir riss mich aus meinen Gedanken. „Hey Sie!“ Die Stimme wiederholte ihren Ruf. Ich stoppte und drehte mich um. Ich prallte gegen etwas massives und geriet ins straucheln. Vor meinen Augen tanzten helle Lichtflecke. Meine Ohren pochten. Plötzlich überkam mich ein starkes Schwindelgefühl. „Hey, sachte!“ Eine kräftige Hand griff mich an der Schulter und stützte mich. Die tanzenden Lichtpunkte verflüchtigten sich. Ich sah in ein jugendliches Gesicht. Etwas drückte in meinen Rücken. „Ist alles in Ordnung?“, fragte das Gesicht. „Ja“, wollte ich sagen. Aber was war eigentlich geschehen? Mein Hirn konnte die Abläufe der vergangenen Sekunden nicht in eine logische Abfolge bringen. Wieso sorgte sich die Person um mich? „Sie sehen blass aus“, sagte es nun. Ich spürte wie sich der merkwürdige Druck in meinem Rücken in Richtung meines Steiß verlagerte. Ein zweites Gesicht tauchte in meinem Blickfeld auf. Beide wirkten irgendwie vertraut. Ihre Konturen schienen von weiter hinten beleuchtet zu werden. Ihre Umrisse strahlten beinahe. Ich blinzelte krampfhaft. Meine Augen versuchten den strahlenden Hintergrund scharf zu stellen, scheiterten aber daran. Lediglich ein kleiner olivgrüner Punkt über dem kleineren der beiden Gesichter ließ sich fokussieren. Mein Gedächtnis versuchte den Punkt einem bekannten Objekt zuzuordnen. Ich spürte den Griff an meiner Schulter lockerer werden. Gerade als die Hand über meinen Oberarm zu wandern schien, kam mein Gehirn zu einem Ergebnis. Straßenlaterne. Die Hand auf meinem Oberarm schien ihren Druck wieder zu verstärken. Nun kniff sie mich. Gerade als ich mich darüber empören wollte, lieferte mein Kopf eine Analyse. Der Punkt über dem vertrauten Gesicht war eine Straßenlaterne, das helle Leuchten die Hamburger Morgensonne. Ergo starrte ich in den Himmel. Ich musste auf dem Boden liegen. Der Druck an meinem Steiß schien vom Bordstein zu kommen. Ich war gestürzt und die beiden Personen die zu den Gesichtern gehörten hatten mch aufgefangen. Mein Mund formte Wörter. Aber meine Stimme wollte mir nicht gehorchen. Ich konnte nicht mehr sprechen! Ich spürte einen Stich an der Stelle an der eben noch die Hand gewesen war. Ich wollte sie abschütteln, aber meine Arme gehorchten mir nicht mehr. Hilflos starte ich die Gesichter an. Sie sagten etwas das meine Ohren nicht mehr erreichte. Meine Augen weiteten sich. In mir stieg grenzenlose Panik auf. Während das Licht um die beiden Gesichter schwächer wurde, lieferte mein Hirn eine weitere Erkenntnis. Es war das junge Pärchen von vor dem Hotel, dass sich über mich beugte. Das Sichtfeld vor mir wurde dunkler und kleiner. Offenbar verweigerten nun auch meine Augen den Dienst. Das letzte was ich bewusst sah, war ein länglicher Gegenstand mit einer langen Spitze, der im restlichen Licht aufblitzte. Dunkelheit umgab mich.

Zehn Stunden zuvor.

Ich habe die Daten. Aber wir gehen sie morgen nochmal gemeinsam durch.“, sagte die tiefe Stimme. „Sehr gut. Seht zu das die Spesenrechnung nicht ins unendliche wächst, okay?“, sagte die andere Stimme. „Geht klar, Chefin! Gute Nacht.“

Der Mann im 20 Kilometer entfernten Zimmer nahm das Headset ab und winkte die anderen heran. „Die Übergabe ist erfolgt. Gruppe 1 kann mit der Operation starten. Gruppe 2 startet morgen früh nach Plan. Und denkt verdammt nochmal daran das es diesmal sauberer läuft.“

WIR TRAUERN UM UNSEREN ENGAGIERTEN KOLLEGEN ANDREAS ERNST, DER SO PLÖTZLICH AUS UNSER ALLER LEBEN SCHIED. UNSERE GEDANKEN UND UNSER MITGEFÜHL SIND IN DIESEN SCHWEREN STUNDEN BEI SEINEN ANGEHÖRIGEN.

ANDREAS, WIR VERMISSEN DICH.

Der Mann blätterte die Zeitung durch. Kein weiterer Artikel. Nur der Nachruf. Die Botschaft war angekommen. Zufrieden warf er einen letzten Blick auf das Hotel an der Alster bevor er in seinen Wagen stieg. Die ersten Regentropfen breiteten sich auf der Windschutzscheibe aus. Er betätigte den Hebel neben dem Lenkrad um den Scheibenwischer zu starten. Auf dem Beifahrersitz lag auf einer Aktentasche ein Netbook und ein USB-Stick. Er drehte den Zündschlüssel bis zum Anschlag und parkte aus. Der Wagen rollte parallel zur Alster die Straße hinauf. Er betätigte den Blinker und bog auf den Autobahnzubringer ab.

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[UPDATE] 3 Tote im Umfeld der NSU-Aufklärung oder: Eine Geschichte von Zu- und Einzelfällen

Zufälle und Einzelfälle. Diese beiden Vokabeln tauchen erstaunlich häufig in Berichten rund um den NSU auf. Das ein Mitarbeiter und V-Mannführer zur Tatzeit im Internetcafé sitzt, während der NSU den Besitzer erschießt? Ein Zufall. Das Beamte rund um die offenbar vom NSU ermordete Polizistin Mitglieder des Ku-Klux-Klan waren? Einzelfälle. Auch die anderen NSU-Morde wurden lange als Einzelfälle und nicht als zusammenhängende Mordserie gewertet. Ein Konvoi mit Akten, der von Thüringen nach Berlin geschickt wurde, damit sie nicht verschwinden, sollte aufgehalten werden.

Diese Liste ließe sich noch eine ganze weile so fortsetzen.

Aber auch an einer anderen Stelle riecht es braun. Nach dem auffliegen der „singulären Vereinigung“, so beschreibt die Bundesstaatsanwaltschaft das „Terror-Trio“, sterben Menschen rund um die Aufklärung.

Im September 2013 soll der ehemalige Nazi „Florian H.“ in seinem Auto Selbstmord begangen haben.

Der Spiegel schreibt dazu:

Am Tag seines Todes war Florian H. mit Beamten des Stuttgarter Landeskriminalamts verabredet, um über seine möglichen Kenntnisse auszusagen. Wegen dieses Zusammenhangs sagt sein Vater nun vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Stuttgarter Landtags aus. Das Gremium hat drei Sitzungstage für den Fall angesetzt, neben der Familie H. sagen auch Freunde, Ermittler, Mediziner und ein Feuerwehrmann aus. Vater H. ist sich sicher: „Suizidal war mein Sohn nicht.“ Er berichtet von Drohanrufen, die Florian bekommen habe, einer kurz vor seinem Tod habe ihn besonders aufgewühlt. Und als es einmal um den NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München ging, habe Florian gesagt: Der Prozess sei eine Farce, solange nicht bestimmte Personen aus der rechten Szene Baden-Württembergs mit auf der Anklagebank säßen.

Auch der V-Mann Thomas Richter alias „Corelli“, der unter anderem dem Verfassungsschutz Hamburg eine CD mit Informationen zu „NSDAP/NSU“ zukommen lassen haben soll, und zwei mal vom BKA verhört wurde, starb kurz vor einer dritten Vernehmung. Zuvor war er vor allem durch fragwürdige Aussagen aufgefallen 
Todesursache soll unerkannter Diabetes, bzw. ein Diabetischer Schock gewesen sein.

Heute wurde nun bekannt das es einen dritten Todesfall gegeben haben soll. Die Ex-Freundin des 2013 verstorbenen Florian H. wurde heute tot aufgefunden. Laut einer Meldung von Spiegel Online soll sie an einem Krampfanfall gelitten haben. Zuvor hatte sie im BaWü-NSU-Untersuchungsausschuss ausgesagt und darauf gedrängt die lokalen Verbindungen der Nazi-Szene genauer zu beleuchten. Ihre Motivation für die Aussage dort war, dass sie sich bedroht gefühlt habe. Auch ihr Ex-Freund hatte das vor seinem Tod geäußert. Seine Familie hatte vor einigen tagen im Autowrack des verstorbenen meherere Beweismittel gefunden, die die Polizei übersehen hatte.
(Pressemitteilung von Polizei und Staatsanwaltschaft zum Tod)

Update 30.03,2015 13:50 Uhr
Mittlerweile liegt im Fall der tot aufgefundenden Zeugin der Obduktionsbericht vor.
Todesursache soll eine Lungenembolie gewesen sein. Die Gerichtsmedizin erklärt diese durch die Folge eines gewanderten Thrombus in Folge eines Hämatoms nach einem Motorradunfall.  Die Polizei Karlsruhe berichtet zudem dass sich die Frau nach dem leichten Unfall bei geringer Geschwindigkeit in ärztliche Behandlung begeben habe und dort auch Thromboseprophylaxen durchgeführt wurden.

Die Ergebnise einer toxischen Untersuchung, also nach möglichen Giftstoffen steht noch aus.

Disclaimer: Mir geht es bei diesem Blogpost nicht darum Verschwörungstheorien anzufeuern. Ich erspare mir hier auch Mutmaßungen. Der bisherige öffentliche Umgang mit der „Causa NSU“ hat mir gezeigt, dass viele Puzzleteile rund um die Aufklärung und Hintergründe immer wieder in Vergessenheit geraten. Die hier aufgeführten Ergänzungen rund um die 3 Todesfälle sind mit entsprechenden Quellen versehen.

 

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Schreibübung oder eigenständiger Text?

Ich hatte das Flair von Hotellobbys schon immer gehasst. Diese akzentuierenden Pflanzen in den Ecken, die ausgesessenen aber luxuriös wirkenden Couches, Beistelltische mit glänzenden Glasflächen. Darunter Zeitschriften die eh niemand las. Diese Räume waren auf wohnlich getrimmt. Ihre Funktion war, den Ankommenden einen guten Eindruck zu vermitteln. Niemand hielt sich hier gerne auf. Das Klackern der Absätze meiner Lackschuhe hallte durch die Halle. Zielstrebig ging ich auf die Rezeption zu. Der Concierge hatte kurz aufgeblickt als ich eingetreten war. Nun starrte er konzentriert auf einen Bildschirm vor sich. Lange genug um mir das Gefühl zu geben nicht wichtig genug für seine volle Aufmerksamkeit zu sein. Diese Überheblichkeit würde ihm gleich vergehen. „Was kann ich für sie tun?“, fragte er endlich. Diese wenigen Worte drückten das gleiche wie die Geste mit dem Bildschirm aus. Er hatte es nicht gesagt. Er hatte es mehr geseufzt. „Scheidemann. Ich habe reserviert.“, sagte ich knapp und legte meine Aktentasche auf der Rezeption ab. Er zog wieder seinen Bildschirm zu rate. Ich wartete auf den Augenblick der nun kommen würde. Seine Augen huschten von rechts nach links. Offenbar las er eine Liste. Schließlich blieben sie auf einem Eintrag stehen. Seine Pupillen weiteten sich. Er quiekte beinahe, als er schnappend Luft einsog. „Herr Scheidemann! Entschuldigen sie, ich konnte ja nicht ahnen…“ Ich grinste. „Sparen wir uns das.“ Ich trommelte gespielt ungeduldig mit den Fingerkuppen auf seinem Tresen. „Suit 401.“ Er machte Anstalten einen Pagen herbeizuwinken, der in diskretem Abstand wartete. Ich streckte fordernd die Hand aus. „Danke. Ich finde das Zimmer schon.“ Er zögerte einen Moment, bevor er mir die Karte reichte. „Wie sie wünschen.“ Ich griff nach meiner Aktentasche und wandte mich um. „Einen angenehmen Aufenthalt!“, rief er mir hinterher.

Mein Gesicht spiegelte sich in der Armatur des Aufzugs. Ich hatte in den letzten Wochen einige Falten dazugewonnen. Surrend setzte sich der Fahrstuhl in Bewegung, nachdem ich die Chipkarte durch das Lesegerät gezogen hatte. Ich warf einen zweiten Blick auf mein goldgefärbtes Spiegelbild. Bildete ich mir das nur ein, oder hatte ich tatsächlich Geheimratsecken bekommen? Ein dezentes pingen kündigte meine Ankunft im vierten Stock an. Direkt dem Fahrstuhl gegenüber lag der Eingang zu 401. Ich betrat den Raum und warf die Chipkarte in eine Schale auf einer Kommode. Die Tür fiel hinter mir ins Schloss. Endlich Ruhe! Mit zügigen Schritten durchquerte ich den Raum und trat an die Balkontür. Sie war nicht verriegelt. Vor mir tat sich die Alster auf. Schwäne zogen ihre Bahnen durch das Wasser. Am Ufer tummelten sich trotz der fortgeschrittenen Tageszeit Touristen und Jogger. Diese Stadt änderte sich nie. Ich drehte mich um und musterte den Raum. Zur Schau gestellter Luxus. Vergoldete Armaturen, teurer Teppich, Hightech-Fernseher und Hifi-Anlage Ich durchschritt den Raum und öffnete die Minibar. Champagner, Softdrinks und tatsächlich das was ich gesucht hatte. Lokales Bier. Ich nahm die Flasche heraus und öffnete sie mit dem in den Kühlschrank integrierten Öffner. Es schmeckte köstlich. Ich nahm die Flasche mit und ging unter die Dusche.

Als ich zurück ins Wohnzimmer trat erwartete mich mein Gepäck. Es war nicht ins Schlafzimmer geräumt worden, sondern stand im Flur. Vermutlich eine kleine Revanche des Concierge. Ich packte meinen Laptop aus und entnahm der Aktentasche den kleinen grünen USB-Stick. Bevor ich den Laptop startete steckte ich ihn an das Gerät. Der Startbildschirm erschien und forderte mich auf das Passwort einzugeben. Ich tippte die fünfzehnstellige Kombination ein und schaute auf die Uhr. Mir blieben noch zweieinhalb Stunden. Genug Zeit um mich auf das Gespräch vorzubereiten. Schmunzelnd blickte ich auf die Daten vor mir auf dem Bildschirm. Sie waren ein Tor zur Vergangenheit. Ich spürte die Geschichte die sie erzählten fast körperlich. Sie war greifbar. Das hatte mich schon immer bewegt. Als Kind hatte ich viel im Wald gespielt. An einer Stelle nahe am Waldrand gab es einen ovalen Hügel. Mitten im ebenen Wald. Ich hatte ihn unzählige male erklommen und darauf gesessen. Von oben konnte man den Wald gut überblicken. Ein idealer Punkt um beim Verstecken spielen die anderen von weitem zu erspähen. Von dort konnte man auch die Senken im Wald sehen. Kleiner als der Hügel. Mehrere Meter tief. In einem hatten wir einmal Metallsplitter gefunden. Es hatte eine große Aufregung gegeben. Die Polizei war angerückt. Dann der Kampfmittelbeseitigungsdienst. Ein schweres Wort für ein Kind. Sie hatten nichts mehr zum beseitigen gefunden. Am Tag danach vergruben wir unsere Ausbeute in einem Versteck. Splitter britischer Bomben. Keine hatte das alte Hügelgrab getroffen. Was in ihm ruhte, ruhte dort weiter und verbreitete das Gefühl die Vergangenheit berühren zu können..

Hotellounges faszinierten mich. Wenn die Lobby eines Hotels dem Gast etwas vorspielen sollte, so war es die Lounge, die einem Gast etwas über das Hotel verriet. Die Beleuchtung, die Musik, die Stimmung der Gäste und der gebotene Service. Ich schmunzelte unwillkürlich als die automatische Tür vor mir aufglitt. Sofort stieg mir ein unverkennbarer Geruch in die Nase. Nicht belästigend, sondern angenehm. Ich roch Zigarren und mehrere Whiskynoten. Echten Whisky, nicht das Zeug aus dem Supermarkt. Das Licht war gedämmt. Die Lampen strahlten unaufdringliche Blautöne aus. Ein warmes Blau. Dunkle Sessel, Couches und Mahagonitische. Das Geräuschbett wurde von Pianoklängen getragen. Ich erkannte den Song bevor die Stimme einsetzte. Wie passend.


With your feet on the air
And your head on the ground
Try this trick and spin it, yeah
Your head’ll collapse
And there’s nothing in it
And you’ll ask yourself

Where is my mind?

Die Gespräche der anderen Gäste verloren sich darin. Das leise klirren von Glas aus Richtung der Theke passte sich ein und störte nicht. Ich nickte der Barkeeperin knapp zu und suchte mir eine abgelegene Sitznische von der aus ich die Tür im Auge behalten konnte. Eine alte, zur Routine gewordene Gewohnheit. Die Barkeeperin trat an meine Nische. „Kann ich Ihnen schon etwas bringen?“ Ich warf einen kurzen Blick auf die Flaschen über der Bar. „Sullivan. Pur. Ohne Eis.“ Sie lächelte und verschwand. Während sie die von mir anvisierte Flasche aus dem Regal hinter der Theke nahm, zog ich mein Netbook aus dem Etui. Das Licht des Bildschirms durchbrach das Beleuchtungskonzept. Schnell pegelte ich die Helligkeit herunter. Ich öffnete mehrere Dateien und versank erneut im Inhalt. Ein Schatz, keine Frage. Er würde unangenehme Fragen aufwerfen. Fragen, die sich Menschen stellen lassen mussten. Fragen, die auch ohne Antworten etwas zerstören und verändern konnten. Konnten? Würden, verbesserte ich mich gedanklich. Ein Schatten fiel auf mich. Die Barkeeperin stellte den Tumbler mit einem gedämpften Klirren auf dem Tisch ab, nickte mir zu und entschwand. Ich klappte das Netbook zu, lehnte mich zurück und lies die Geruchsnote auf mich wirken. Unverkennbar Eiche mit diesem gewissen tropischen Etwas. Ich benetzte die Lippen. Süßer Malz. Vorsichtig sog ich Luft ein. Da war es. Bitterschokolade. Kein anderer Whisky konnte das. Ich schloss genießerisch die Augen. Das sanfte Brennen im Rachen setzte ein. Die Barkeeperin hatte mich richtig eingeschätzt. Ich bewunderte sie dafür. Alles an mir schrie eigentlich danach, dass ich hier nicht hingehörte. Sie hatte dennoch keinen jungen Jahrgang gewählt. Dieser war mindestens 16 Jahre alt. Ich gönnte mir einen weiteren Schluck und schaute an mir herab. Das Sakko war an den Schultern einen Hauch zu breit und spannte an der Hüfte. Das Hemd war noch steif und die Anzughose im Schritt zu weit. Im Tumbler spiegelte sich mein Gesicht. Der Bart gestutzt, die Haare über die Geheimratsecken gekämmt. Vor einer halben Stunde auf dem Zimmer hatte ich es für einen klugen ironischen Zug gehalten die Sneakers anzuziehen. Nun kam ich mir unfassbar albern in ihnen vor. Dieses ganze Theater war unfassbar albern. Aber sie hatten es so gewollt.

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Auf der Suche nach dem eigenen Stil

Seit ein paar Wochen bin ich vermehrt auf der Suche nach dem eigenen Schreibstil. Schreibstil – ein komisches Wort. Wenn ich mir meine früheren Texte anschaue, dann sehe ich da eine Entwicklung. Von den ganz frühen Texten vor mehr als 10 Jahren bis heute hat sich einiges verändert.  Vor allem natürlich der Wortschatz. Aber auch die Art Objekte und Emotionen zu beschreiben. Vor allem in Prosa.

Im Text „Es ist die Wut, die wir teilen…“ habe ich eine bewusst einfache Sprache verwendet und möglichst auf langatmige Beschreibungen verzichtet. Gerade deswegen wirken die Charaktere aber sehr oberflächlich. Ihnen fehlen eigene Gedanken, eigene Sichten und Wahrnehmung. In der Fortsetzung, an der ich aktuell schreibe, versuche ich einen Kompromiss zwischen möglich einfacher Sprache und Details zu finden.

Um zu schauen „was geht, habe ich in den letzten Tagen einige Schreibübungen gemacht. Eine davon gefällt mir so gut, dass ich sie hier dokumentieren möchte. Was daraus wird weiß ich noch nicht. Ich habe Lust darauf den Text weiterzuentwickeln.

 

 

 

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